Tagung November 2005

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Döbelner Allgemeine Zeitung, 25.11.2005

Es geschah vor der Haustür

In der Zeit an der Hochschule Mittweida sowie am Standort Roßwein hat Prof. Dr. Matthias Pfüller nicht nur für eine weitere Facette gesorgt, sondern einen Schwerpunkt gesetzt. Gerade erst feierte der Professor seinen 60. Geburtstag; er ist so alt wie das Kriegsende zurückliegt. Der Nationalsozialismus und die Erinnerung daran sind sein Thema. Dazu hatte Pfüller gestern an der Fachhochschule eine Tagung initiiert, die all das zusammenfasste, was es derzeit an Erinnerungsarbeit gibt.
"Als Konkurrenz sehen wir das, was Prof. Pfüller im Rahmen seiner Projekte macht, nicht", erklärte Dr. Norbert Haase, der als Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten als Referent eingeladen war. "Wir verdanken dem Institut aus Roßwein Impulse des Weiterdenkens. Die Erinnerungskultur verlangt die Teilhabe der Gesellschaft durch die Bürger."

Leicht war es nicht, erinnerten sich sowohl der eingeladene Redner Dr. Michael Düsing aus Freiberg als auch der Gastgeber: "1996 bis 2000 war die Aufarbeitung thematisch noch nicht gefragt", erläuterte Matthias Pfüller. Seine Exkursionen an die Orte des Geschehens - über 50 haben sich in zehn Jahren angesammelt - zählten anfangs nicht mehr als sieben Interessenten. "Vor drei Jahren nahm das Interesse aber zu", so dass der "Anstifter des Erinnerungsvermögens" heute von einem kleinen Wanderzirkus spricht. "Wir haben ein großes Gebiet abgefahren, um das Netz des dichten Ausmaßes nachempfinden zu können." Der Ansatz des Dozenten sei es, Orte des Geschehens wirken zu lassen, statt - alter Fehler aus der Schule - mit Lehrbüchern zu überfüttern. Spannend erachtet Matthias Pfüller dabei die Frage nach der Auseinandersetzung der Erinnerung der einzelnen Generationen und die Dokumentation der Orte des Geschehens, vor allem vor der eigenen Haustür. "Mag es traurig sein, wir brauchen nicht weit zu fahren, um uns mit der Problematik auseinander zu setzen", sagte Dr. Norbert Haase.
Nach 15 Jahren Mühe wider das Vergessen habe sich Michael Düsing vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) Freiberg von manchen Illusionen verabschiedet: "In der ganzen Zeit war unser Projekt ein wenig geliebtes Kind." Düsings Anliegen war es immer, in Projekten mit Jugendlichen nach Spuren der jüdischen Geschichte in Freiberg zu suchen und sie zu dokumentieren. Er stieß auf eine Mauer des Schweigens, Schicksale verschwanden in Statistiken. "Doch das Erinnern geschieht nicht anonym. Niemand kann sich anhand einer Zahl, mag sie auch noch so unvorstellbar groß sein, dessen bewusst werden, was entgegen des ersten Paragrafen des Grundgesetzes geschehen ist." Michael Düsing habe in seiner Arbeit nie abstrakte Mittel verwendet, sondern die Jugendlichen, die teilweise ohne Arbeit waren, mit dem Schicksal der damals Gleichaltrigen konfrontiert. Hilfe zur Selbsthilfe.
Norbert Haase wünschte sich, dass die sächsische Netzwerk- Bildung im Rahmen eines Workshops fortgesetzt wird. In Dresden oder Roßwein.
kri

 

Döbelner Anzeiger, 25.11.2005

Die Gefangenenlager waren gleich um die Ecke
Ein Erlebnis hat sich in das Gedächtnis von Egon Näser gebrannt: Ein Tiefflieger, der einen Zug im Muldental beschießt.
Jens Hoyer
Im Roßweiner Ebro-Werk an der Gersdorfer Straße, so haben die Studenten herausgefunden, war ein SS-Außenkommando stationiert. In der Fabrik mussten offenbar Häftlinge eines KZ- Außenlagers in Nossen arbeiten.

Näser, das Roßweiner SPD-Mitglied, ist einer der Zeitzeugen, die von Studenten der Projektgruppe „Nationalsozialismus“ der Hochschule Mittweida befragt und dabei gefilmt wurden. Gestern flimmerten seine Erzählungen bei einer Veranstaltung über die Videowand, bei der die Studenten die Ergebnisse ihrer Arbeit vorstellten.
Näser, der gestern mit im Hörsaal saß, war 1945 noch ein kleiner Junge. Beim Legen von Kartoffeln oben auf dem Ullrichsberg sah er das Flugzeug heranbrausen. Näser erzählt auch von dem Polen Joseph, der der Familie zur Feldarbeit zugeteilt war. Viele Bauern in Ullrichsberg hatten einen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter zugeteilt bekommen. Manche behandelten sie gut, andere weniger gut. „Ein Franzose hat nur kaltes Wasser zum Rasieren bekommen. Der ist dann immer zu uns gekommen“, erzählte Näser.
In der Gaststätte Grüne Aue sei damals ein Lager gewesen. Italiener oder Franzosen waren dort untergebracht. „Dort, wo heute der Parkplatz ist, war eine Toilette mit Stacheldraht“, erinnert sich Näser. Heimlich hätten sie den Leuten Essen gebracht. „Wenn einer meinen Vater verpfiffen hätte, dann wäre er dran gewesen.“
„Die Lagergesellschaften waren auch immer internationale Gesellschaften“, sagte Professor Matthias Pfüller. Serben, Italiener, Russen und Polen seien damals in Roßwein gewesen. Die Geschichte der Außenlager aufzuarbeiten, sei auch ein Akt der Versöhnung und ein Beitrag zur Verständigung im vereinigten Europa. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit sei eines der „Gegengifte“ gegen den Neonazismus, sagte der Professor. „Wer das gesehen hat, der weiß, dass es die Lager auch gleich um die Ecke gab. Dass eine ganz normale Gaststätte ein Kriegsgefangenenlager war, das geht schon in die Knochen.“ Die Studenten befragen vier Generationen, direkte Zeitzeugen und auch Menschen, die lange nach dem Krieg geboren wurden, zum Nationalsozialismus. „Es geht auch um den Nachhall, den diese Katastrophe ausgelöst hat“, so der Professor.
„Spiralförmig“ näherten sich die Studenten der Vergangenheit. Im Interesse ist jetzt der Gedenkstein „mit der etwas unpräzisen Inschrift“ für einen toten Zwangsarbeiter an der Margarethenmühle. „Nach einem Zeitungsartikel hat ein Mann angerufen, der hat einen möglichen Zeugen in Böhrigen genannt. Eine Frau ist möglicherweise wegen Kontakts zu einem Fremdarbeiter inhaftiert gewesen.“

   

Täter wie Opfer können oft nicht über NS-Zeit reden

Professor Dr. Matthias Pfüller leitet ein Projekt von Studenten der Fachhochschule Mittweida, das sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschäftigt. Die jungen Leute besuchen Orte, an denen sich zum Beispiel Gefangenenlager befunden haben, sie recherchieren, befragen Zeitzeugen.

Ist es schwer, Menschen zu finden, die über die Zeit des Nationalsozialismus reden wollen?
Ja und Nein. Es ist so, dass man Leute, die Privatgeschichten haben, auch zum Sprechen bringen kann. Sie erzählen ihre Lebensgeschichte und wie sie sich im Strudel der damaligen Geschehnisse bewegt haben. Das wäre etwas anderes bei Tätern oder solchen, die mit Tätern verwandt sind. Ich gehe davon aus, dass solche Leute eher zurückhaltend sind. Das hat sicher auch etwas damit zu tun, dass Leute, die über solche Erfahrungen verfügen, Objekte der Stasi-Untersuchung gewesen sind. Da liegen jetzt die ersten Publikationen aus dem Bereich der Beauftragten für die Stasiunterlagen vor. Nach groben Schätzungen sind etwa 24.000 Personen in den Bereich der Stasi hineingeraten, die auch nach 1950 noch auf dem Gebiet der DDR als unerkannte NS-Täter gelebt haben. Für sie und ihre Familien ist es sicher sehr schwer, darüber zu reden. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass es mit den Familien von Opfern auch so ist. Wenn ich zum Beispiel eine Opfergruppe nehme, die zu DDR-Zeiten kaum berücksichtigt worden ist, Familien, bei denen Euthanasie eingeschlagen hat oder wo Zwangssterilisierungen vorgekommen sind, dort wird das nicht zum Thema gemacht. Dass solche Leute nicht gerne darüber rechen, weil es eine sehr intime und traurige Lebensgeschichte ist, liegt nahe.

Ist es Ihnen gelungen, Täter oder Opfer zu befragen?

Wenn, dann kriegen wir Opfer. Wir werden in Kürze eine Frau befragen, die im KZ gesessen hat.
Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 gab es viel Terror. Unter anderem wurden wilde KZ errichtet, etwa in Hainichen.
Wir haben Unterlagen darüber. Wir haben einen Augenzeugenbericht von jemandem, der damals in Hainichen eingesperrt war. Wenn ich das richtig verstehe, ist das bisher noch nicht ausgewertet worden. Ich habe das erst gestern vom Heimatverein in die Hände bekommen. Ich hatte noch keine Zeit mich darum zu kümmern, ob solche Familien nachzuweisen sind und ob mit denen gesprochen werden kann. Nach meinen Erkenntnissen gibt es darüber extrem wenig.

Wie finden Ihre Studenten denn diese Zeitzeugen.

Das geht manchmal verblüffend einfach. Wenn wir zum Beispiel auf Grund eines dieser Bücher von der Bundeszentrale für politische Bildung wissen, dass es hier in Sachsen in einem Ort ein Außenlager gegeben hat - das war hier in Roßwein ja auch so - fragt man erst einmal rum, wo war denn das eigentlich. Wenn es nicht ganz eindeutig im Buch drinsteht, dann haben wir - ich nehme einmal ein Beispiel aus Niesky - jemanden angesprochen, wenn wir wussten, das muss da irgendwo in der Nähe gewesen sein. Wir wurden zwei Mal weitergereicht und kamen an jemanden, der Zeitzeuge war. Der hat damals als Junge gesehen, wie das Lager eingerichtet wurde. Er hat uns etwas darüber erzählt. Von der Stadt haben wir nichts erfahren. So kommt man an Zeitzeugen. Das ist ein Schneeballeffekt. Oder das Beispiel mit dem SPD-Ortsverein hier in Roßwein. Darüber habe ich jetzt gleich fünf, sechs Adressen bekommen.

Ist die NS-Vergangenheit zu DDR-Zeiten in dieser Weise schon einmal aufgearbeitet worden?

Ich will das nicht runtersetzen, aber da hat es sich sehr stark konzentriert auf die SPD und KPD-Leute. Ein bisschen noch auf den bürgerlichen Widerstand. Aber darüber hinaus ist ganz wenig gemacht worden. So etwas wie Alltagsgeschichte ist, wenn überhaupt, nur mit dieser Akzentsetzung auf die kämpfenden Genossen gemacht worden, die in den KZ saßen.

Bilder der Veranstaltung

Döbelner Allgemeine Zeitung, 03.11.2005

 

Döbelner Anzeiger, 03.11.2005

 

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