1.Was kennzeichnet eine "Lernende Region"
In der gegenwärtigen Diskussion gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, was eine "Lernende Region" ist. Nicht selten wird darunter eine Region vermutet, die sich durch besonders erfolgreiche und umfangreiche Weiterbildungsaktivitäten auszeichnet. Das "Lernen" wird dabei im engen Sinne der Bildung als individuelles oder Gruppenlernen interpretiert. Dies wäre aus unserer Sicht eine sehr enge und einseitige Begriffsverwendung bezogen auf eine Region. Wir verwenden diesen Begriff aufbauend auf dem Ansatz des organisationalen Lernens, wie er für die "Lernende Organisation" bzw. das "Lernende Unternehmen" zunehmend verwendet wird.
Lernen wird hier als das Lernen einer Organisation (z.B. Unternehmen) verstanden, welche sich ganzheitlich zielorientiert verändert. Hierzu liegen vielfältige Definitionsansätze vor, über die jedoch noch kein allgemeingültiger Konsens erzielt wurde.
Bei einer "Lernenden Region" verstehen wir analoger Weise den Lernprozeß als eine bewußte und geplante Gestaltung eines ganzheitlichen (allseitigen) Entwicklungs- bzw. Veränderungsprozesses einer Region. Er ist dadurch gekennzeichnet, daß die regionalen Akteure zunehmend als eine Organisation (Regionalforum, Beirat u.ä.) zusammenarbeiten und einen Konsens über die gemeinsame abgestimmte ganzheitliche Entwicklung der Region auf vielfältigen Gebieten erreichen.
Sukzessiv ermitteln sie den Entwicklungsstand (Differenz zwischen Soll und Ist), heben die dabei gesammelten Erfahrungen bewußt ab und nutzen diese zusammen mit neuen Erkenntnissen (Inputs) zur Optimierung der weiteren Entwicklung. Dazu initiieren sie gemeinsam konkret abgestimmte Maßnahmen, Aktionen und Projekte, die sie in unterschiedliche Kooperationsformen (Netzwerke, Verbünde u.a.) umsetzen.
Die Prozeßentwicklung wird zunehmend charakterisiert durch:
Dieser Entwicklungsprozeß wird von den Akteuren sowohl von oben nach unten als auch umgekehrt als "bottom-up-Ansatz" gestaltet.
Die Strukturen der Kooperation müssen hinreichend stabil aber auch im notwendigen Umfang flexibel sein, um den dynamischen Veränderungen des Umfeldes und der Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen.
Der Begriff "Lernende Region" kennzeichnet damit einen Qualitätsanspruch an eine ganzheitliche Entwicklung/Veränderung einer Region auf vielfältigen Gebieten, wobei wir gegenwärtig besonders auf die Bereiche Regionalforschung, Wirtschaftsförderung, Beschäftigung und Weiterbildung fokussieren, wissend, daß zunehmend weitere Bereiche, wie z.B. Soziales, Gesundheit, Kultur u.a. einzubeziehen sind.
Über die optimale Größe einer Region kann gegenwärtig noch keine Aussage getroffen werden. Wir beziehen den Begriff "Region" derzeit auf ein großstädtisches Ballungsgebiet mit seinem Umland. Zu Kriterien für die Bestimmung der Grenzen einer "Lernenden Region" wird gegenwärtig noch gearbeitet.

2. Regionalforschung
Es wurden Strukturdaten der drei europäischen Partnerregionen des Projekts und des Netzwerkes "Lernende Region Chemnitz" erhoben und verglichen. Neben der inhaltlichen Darstellung wurden graphische Schaubilder für alle Partnerregionen erstellt. Die Sammlung und Auswertung von Daten zur Arbeits- und Beschäftigungssituation in den drei Arbeitsamtbezirken der Region sowie von weiteren Kenndaten wird laufend durchgeführt.
3. Weiterbildung und Beschäftigung
Im Jahre 1997 lag der Schwerpunkt der Säule Weiterbildung und Beschäftigung auf zwei verschiedenen Gebieten:
3.1 Erhöhung der Transparenz über Weiterbildungsträger und Weiterbildungsangebote in der Region sowie Kooperationsansätze zwischen Weiterbildungsträgern und anderen Institutionen.Dazu wurde in Zusammenarbeit mit der Säule Regionalforschung eine Untersuchung mit dem Arbeitstitel "Bildungsregion Chemnitz Weiterbildung und Chancen der Kooperation" über die Bildungsregion Chemnitz vorbereitet. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Erfassung der regionalen Weiterbildungsangebotsstruktur und der Kooperationsstrukturen der Weiterbildungsträger in der Region Chemnitz sowie die Analyse von Aspekten der Bildungsgeographie. Ziel der Untersuchung ist es, einerseits ausgewählte Aspekte zum Ist-Stand der Bildungsregion "Lernende Region Chemnitz" zu analysieren und zweitens einen Kooperationsleitfaden für die Bildungsträger der Region aufgrund der Ergebnisse der Untersuchung zu erstellen.
Weiterhin haben die Projektmitarbeiter das Informationssystem "Lernende Region" in dieser Thematik aufgebaut. Wichtige Weiterbildungsliteratur und Weiterbildungsdatenbanken wurden erfaßt und im Informationssystem "Lernende Region" aufgenommen.
3.2 Wissenschaftliche Begleitung, Initiierung und Teilnahme an Projekten und Netzwerken in der Region ChemnitzDas Projekt "Soziologische Untersuchungen im Landkreis Mittweida unter besonderer Beachtung der Situation langzeitarbeitsloser Frauen" hat die HTW Mittweida wissenschaftlich begleitet. In diesem ABM-Projekt wurden u.a. Fragebogen entwickelt, Befragungen durchgeführt und unter besonderer Berücksichtigung der spezifischen Lebenssituation und Befindlichkeit dieser Gruppe ausgewertet. Ziel war es, Handlungsempfehlungen für ein zielgerichtetes und abgestimmtes Vorgehen verschiedener Verwaltungen, Bildungsträger und weiterer Einrichtungen im Landkreis Mittweida zur Wiedereingliederung dieser Frauen abzuleiten.
Auf dem Gebiet der Umwelt wurde unter der Leitung der HTW Mittweida ein regionaler Kooperationsverbund initiiert. Partner des Kooperationsverbundes sind: FUTERRA/Ökopark Frankenau e.V., Kreishandwerkerschaft Mittweida, Wilhelm-Oswald Gesellschaft zu Großbothen e.V., Volkshochschule des Landkreises Mittweida und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung. Vorgesehen ist, weitere Partner (vor allem KMU) mit einzubeziehen. Anliegen dieses regionalen Verbundes ist es, in Kooperation verschiedener Einrichtungen unter Einbeziehung regionaler kommunaler Entscheidungsträger, Konzepte auf dem Gebiet Umwelt zu entwickeln und in Pilotprojekten umzusetzen. Dabei wird Wirtschaftsförderung, Regionalentwicklung, Beschäftigung und Weiterbildung integrativ betrachtet.
Weiterhin wurden zwei Weiterbildungsprojekte gemeinsam mit anderen regionalen Akteuren initiiert:
Der Projektverlauf wird von der TU Chemnitz wissenschaftlich begleitet und durch Beiträge unterstützt.
Außerdem wurde an der Gestaltung und Initiierung eines Netzwerkes "Bildung für ältere Menschen" mitgewirkt. Dabei fanden mehrere Treffen von Bildungseinrichtungen und Senioreneinrichtungen in der Region Chemnitz statt. Teilgenommen haben an diesen Treffen Vertreter der Urania e.V., des Seniorenbeirates der Stadt Chemnitz, der Volkshochschule, des Sozialamtes, Mitarbeiter des Projektes Netzwerk "Lernende Region Chemnitz" und interessierte Seniorinnen und Senioren.
Im Rahmen der Weiterbildung für Ältere
wurde an der HTW Mittweida ein integratives Modell für ältere Bürgerinnen
und Bürger entwickelt und erprobt. Dieses Konzept verbindet Bildung,
Begegnung und aktives Tätigsein. Ziel ist dabei, die älteren Bürgerinnen
und Bürger mit Themen wie "gemeinsames Europa", "wirtschaftliche
Entwicklung in der Region", "Wertewandel" u.a. zu
konfrontieren und zu aktiver Mitwirkung an der Regionalentwicklung
anzuregen. Innerhalb dieses Modells wurde eine Projektgruppe betreut, die
sich u.a. mit der Industriegeschichte der Region beschäftigt. Ziel
hierbei ist es, in Zusammenarbeit mit Vereinen, Verwaltungen, Bildungsträgern
u.a. die regionale Bindung, die regionale Identität zu erhöhen
und damit auch bereit zu machen, sich aktiv in das heutige
gesellschaftliche Leben sowie in den Prozeß der Regionalentwicklung
einzuschalten. Weiterhin entstand ein Projekt "Europäische
Kontakte Bildungs- und Beschäftigungsprojekte für
Senioren", das im Austausch mit zahlreichen europäischen
Partnergruppen steht, in konkreter Arbeit Fragen von Europa sowie Leben in
der neuen Informationsgesellschaft zum Gegenstand hat und auf regionale
Bedürfnisse vor Ort übertragen wird.
In der Teilprojektsäule
"Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung" wurde in Auswertung
dänischer Empfehlungen zur "Jobrotation" ein Projektantrag
zum Thema "Stellvertretermodell" entwickelt, das die
Qualifizierung von Beschäftigten in KMU mit der Integration von
Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt verknüpft.
Weiterhin wurden zwei Selbsthilfeprojekte für Arbeitslose, die aus einem von der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstalteten Workshop heraus entstanden sind, in Form von Aktionsforschung begleitet. Das eine Projekt beinhaltet die Entwicklung und Herausgabe einer Zeitschrift von Arbeitslosen für Arbeitslose und arbeitsmarktpolitische Akteure in der Region Chemnitz. Das zweite Projekt besteht in der Gründung des Frauenvereins FACT (Frauen aktiv in Chemnitz tätig). Der Verein versteht sich als eine Ergänzung zu dem bereits bestehenden Verein zur beruflichen Förderung von Frauen in Sachsen (VbFF).
4. Kooperation und Entwicklung von KMU
In einer Analysephase wurden spezifische Potentiale und Probleme kleiner und mittlerer Unternehmen, Kooperationsmöglichkeiten und bestehende Kooperationen in der Region erfaßt, beurteilt und dokumentiert. Existierende Netzwerkansätze sind beispielsweise ICM, TINA, Euro-TINA, PLATO sowie Netzwerke im Rahmen der Forschungsprojekte der Professur Erwachsenenbildung und betriebliche Weiterbildung an der Technischen Universität Chemnitz (IMPULS-K, Projektträgerschaft KMU-Netzwerke).
Eine leitfadengestützte Befragung von Unternehmen zum Schwerpunkt Kooperation zeigte, daß das zentrale Problem von KMU -Defizite in der Strategie- Probleme auf den Gebieten Finanzierung, Innovation, interne Kommunikation sowie externe Kooperation nach sich zieht. Die Analyse wurde vervollständigt durch eine umfassende Literatur-/Projektanalyse (Auswertung regionaler Daten zu Innovationen im regionalen und europäischen Maßstab/Kooperationen und Kooperationsverhalten/endogenen Potentialen) und einer Stärken-/Schwächenanalyse (Kapitalpotential/Arbeitspotential; unterteilt in Wirtschaftspotential/ Wissenschaftspotential/ Humanpotential/ Infrastrukturpotential /Marktpotential), die als Dokumentation vorliegt.
Auf diesen Erfahrungen aufbauend wurden in einem normativen zweiten Teil (Vorbereitung/Gestaltungsphase) Möglichkeiten der Umsetzung dieser Erkenntnisse gemeinsam mit regionalen KMU untersucht. Es wurde beispielsweise ein Leitfaden "Strategieentwicklung für kleine und mittlere Unternehmen" konzipiert, der als Entwurf vorliegt und auch Kooperationsentwicklungen berücksichtigt. In einem Workshop wurden Unternehmern und Entscheidungsträgern der Region Vor- und Nachteile der Unternehmenskooperation anhand existierender Beispiele demonstriert (vgl. Schöne, R. (Hrsg.): Regionale Unternehmenskooperation, Konferenzband, II. Regionaler Workshop des ADAPT-Projektes "Netzwerk Lernende Region Chemnitz", Chemnitz, 3. Dezember 1996).
Die Ergebnisse der Analysephase fließen auch laufend in die Betreuung von sechs KMU-Netzwerken durch Personal-, Organisations- und Kooperationsentwicklung ein.
5. Informationssysteme
Am 14.05.1997 wurde der III. Regionale Workshop des Projekts "Netzwerk Lernende Region Chemnitz" zum Thema "Moderne Informationssysteme Instrumente der Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung, Beschäftigung und Weiterbildung" in Mittweida durchgeführt. Anläßlich des Workshops wurde das Informationssystem "Lernende Region" erstmals umfassend der Öffentlichkeit vorgestellt. Es beinhaltet 1.200 Datensätze(Stand 1/98) und wird kontinuierlich aktualisiert und ergänzt. Darüber hinaus wurden die Voraussetzungen für die Erstellung einer Nutzer-Version geschaffen, die als lauffähige Runtime-Version auf Disketten vorliegt und durch eine Programmbeschreibung für Nutzer sowie eine überarbeitete Schlagwortliste ergänzt wird. In einer Erprobungsversion wurde die Datenbank funktionsfähig in das Internet gestellt, um die Darstellungsformen und Zugriffsmöglichkeiten in diesem Medium zu prüfen und zu optimieren. (Vgl. Zenker, U./Nietzel, D.: Moderne Informationssysteme Instrumente der Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung, Beschäftigung und Weiterbildung. III. Regionaler Workshop des Netzwerkes "Lernende Region Chemnitz", Vortrag 14.05.1997).