| Mit der Dampfmaschine durch
James Watt stand schlagartig ausreichend Energie
zur Verfügung. Der erste Einsatz der Dampfmaschine war der für
Bergwerkspumpen. Das konnte im Prinzip auch durch ortsfeste Energieerzeuger
(besser: Wandler) wie Windmühlen oder Wasserkraftanlagen erreicht
werden. Der Vorteil der Dampfmaschine gegenüber den anderen Lösungen
bestand neben anderem in der Tatsache, daß sie nicht ortsgebunden war.
Damit war sie geeignet, für alle Fahrzeuge eingesetzt zu werden,
also für Land-, See- und Luftfahrzeuge (die zu der Zeit noch gar
nicht bekannt waren; solch einen Gedanken hat es kurzzeitig gegeben, der
aber aus naheliegenden Gründen nicht weiter verfolgt werden
konnte).
Eine technische Entwicklung vollzieht sich selten in großen
Sprüngen, sondern setzt meist auf das Vorhandene, das Bekannte, auf.
So war das maschinengetriebene Landfahrzeug (auch später dann das Auto)
die bis dahin bekannte Kutsche, bei der man die Pferde durch eine Maschine
ersetze. Erst langsam hat sich eine eigenständige Form heraus gebildet.
Die dampfgetriebenen Fahrzeuge, die im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts
und im ersten Viertel des 19.Jahrhunderts vornehmlich in England und Frankreich
betrieben wurden, erreichten bereits annehmbare Ergebnisse. Ihre weitere
Entwicklung war durch Betriebseinschränkungen praktisch abgewürgt
worden. Andererseits waren die Straßen für einen Verkehr durch
dampfgetriebene Fahrzeuge, die schwer waren aber eine beachtliche Geschwindigkeit
erreichen konnten, ganz einfach nicht geeignet. Der naheliegende Gedanke
war, das dampfgetriebene Fahrzeug auf eine geeignete Trasse zu setzen mit
wenig Steigungen und ohne Unebenheiten. Die Eisenbahn war geboren. Es war
ein so erfolgreiches Konzept, daß es sich erstaunlicher Weise bis heute
hat halten können, obwohl längst andere, effektivere
Verkehrsmittel entwickelt wurden.
Die erste Eisenbahn war damit durch die Trasse, die Bahn,
gekennzeichnet, nicht aber durch ein neues Antriebsmittel, das es bereits
gab. Die Schiene, das Herzstück der Eisenbahn, gab es aber schon
jahrhunderte vor ihr. Man findet erste Anfänge bereits im Straßenbau
der Römer. Dort sind meist zwei Streifen in Radstandweite besonders
sorgfältig gepflastert oder man findet Spurrinnen zur Wagenführung.
Im Bergbau wurden Holzschienen zur Herabsetzung der Reibung und oft ein
Spurnagel zur Führung der Loren verwendet. Den ersten Bericht
über die Anwendung von Schienen im Bergbau gab 1556 Georgius Agricola.
Er beschreibt Balken von 22
cm Dicke und Breite, die zur Verbesserung der Führung
der Loren ausgekehlt waren. Die schwere Last der Loren veränderte jedoch
rasch ihre Lage und ließ sie stark abnutzen. Sie wurden deswegen mit
Eisen beschlagen. Ein Zufall brachte dann die Weiterentwicklung in Richtung
der heutigen Schiene.
1776 gab es in England einen Absatzrückgang beim Eisen.
Statt das erzeugte Eisen auf Halde zu legen, kam Reynolds,
ein Eisenwerksbesitzer, auf den Gedanken, die gegossenen Eisenbarren solange
anstelle der Holzbalken für die Schienen zu verwenden, bis eine gestiegene
Nachfrage die Weiterbearbeitung der Eisenbarren erforderte. Der Erfolg
mit den Eisenschienen war aber so durchschlagend, daß es dazu nicht
mehr gekommen ist.
Reynolds Schienen hatten zur Spurhaltung der Loren bereits eine
Vertiefung, die aber nicht sicher genug war. Es kam häufig zu Entgleisungen.
John Curr schuf 1776 eine neue abgewinkelte Schienenform, die
aber einem schnellem Verschleiß unterworfen war. Diese Schiene
war auf einem Langholz aufgenagelt und hatte zur Spurhaltung der Fahrzeuge
einen Schenkel von 5 cm Höhe (siehe Abb).
Die heutige
Schienenform mit Kopf, Steg und Fuß geht auf Jessop
zurück, die aber nun ein Rad mit Spurkranz notwendig machte. Das war
um das Jahr 1800
Die heutige Gleisform kam wieder durch einen Zufall
zustande. Die Langhölzer, auf denen die eisernen Schienen aufgebracht
waren, faulten hin und wieder weg. Man wechselte nun nicht das gesamte Langholz
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aus, sondern schob unter die defekte Stelle einen Querbalken,
der sich wegen der besseren Tragfähigkeit so gut bewährte, daß
er auch noch heute als Schwelle die Gleisform bestimmt.
Auf den Gleisen wurden die Loren von Pferden gezogen, genau
wie später in den Städten Straßenbahnen von Pferden gezogen
wurden. Das war der Stand, als der Dampfomnibus von der
Straße verbannt wurde.
Die Einführung eines dampfgetriebenen Schienen- fahrzeuges
verdanken wir Trevithick, der sich maßgeblich durch
Verbesserung der Dampfmaschine hervorgetan hatte, indem er den Dampfdruck
wesentlich erhöht hatte. Bei einem Besuch 1803 in einem Eisenwerk sah
er die von Pferden gezogene Lorenbahn und er wettete, daß es ihm
möglich sei, diese Loren durch eine Dampfmaschine ziehen zu lassen.
Am 15. Februar 1804 berichtete er in einem Brief von der erfolgreichen
Fahrt, bei der ein Zug von fünf Wagen, die mit 10 Tonnen Eisen und siebzig
Menschen beladen waren, insgesamt eine Last von 25 t sich über 16 km
bewegte. Trotz des großen Erfolges hat sich dieses Gefährt nicht
durchsetzen können, weil die Schwachstelle die Schienen waren, die bei
der Belastung immer wieder brachen (nach den Beschreibungen handelte es sich
um Schienen aus Gußeisen, also nicht aus hochlegierten Stählen,
wie sie für diesen Einsatzzweck notwendig waren).
Es hat nach Trevithick eine ganze Reihe von Lokomotiv-
Konstruktionen, die zu der Zeit noch Trams genannt wurden, gegeben.
Meist befaßten sie sich aber mit der "Verbesserung" der Haftung zwischen
Maschine und Schiene, z.B. durch Zahnstangen u.ä.
Die erste in Deutschland betriebene Lokomotive ist entgegen der
allgemeinen Ansicht ein deutsches Erzeugnis gewesen. Sie wurde von
Christian Freund gebaut und ist ab 1816 nur zu Schauzwecken
gelaufen und praktisch nicht zum Einsatz gekommen, weil sie eine falsche
Spurweite hatte. Den Durchbruch im Eisenbahnwesen verdanken wir Georg
Stephenson. Die Lokomotive, die auf der ersten in Deutschland gebauten
Eisenbahnstrecke lief, die "Adler" stammte aus der Lokomotivfabrik von Stevenson.
Diese erste Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth wurde am 7.
September 1835 eingeweiht. Auch der erste Lokomotivführer, ein
Herr Wilson, war mit der Lokomotive aus England gekommen.
Er bezog ein Jahresgehalt von 2250 Mark, während der Direktor der
Bahngesellschaft sich mit etwas mehr als der Hälfte begnügen
mußte.
Abb.: Die erste Lokomotive der deutschen Eisenbahn
Die wirtschaftliche Bedeutung einer Eisenbahn war sehr bald deutlich
zu sehen. Es ist aber der Weitsicht eines Mannes zu danken, daß die
Bahnlinie Nürnberg-Fürth nicht ein Einzelbeispiel blieb. Es war
der Volkswirtsschaftler Friedrich List ( 1789 - 1846), der die
wirtschaftliche Tragweite der Eisenbahn erkannte. Er entwarf bereits 1833,
also zur Zeit des Beginns der deutschen Eisenbahn, ein deutsches
Eisenbahnnetz, das im Kern auch so ausgeführt
wurde. Er setzte sich besonders für den Bau einer Strecke von Dresden
nach Leipzig ein. Er war gewiß seiner Zeit weit voraus und bestimmt
war es die deutsche Kleinstaaterei, die seinem Gedanken so viele Steine in
den Weg legte. Wenn das Eisenbahnwesen in Deutschland sich so hat entwickeln
können wie es sich entwickelt hat, dann ist es der Beharrlichkeit dieses
Mannes zu verdanken. Leider hatte er zu Lebzeiten wenig Anerkennung erfahren,
hatte sein Vermögen draufgegeben, endete durch Suizid. Und leider ist
auch heute sein Name kaum bekannt. Vielleicht auch, weil der Name des
großen Volkswirtschaftlers Friedrich List durch den des großen
Musikers Franz List überstrahlt wird. Leider völlig zu Unrecht.
Im Jahre 1845 gab es in Deutschand bereits ein Streckennetz von 2165 km.
1879 wurden die Eisenbahngesellschaften durch die Weitsicht des damaligen
Eisenbahnministers Maybach verstaatlicht. Das hat nun ein wenig
mehr als 100 Jahre vorgehalten. Vielleicht fehlt heute die Weitsicht der
damaligen Verantwortlichen, eine Infrastruktur als lebensnotwendiges Gerüst
eines Staates zu erkennen, für das er Verantwortung zu tragen hat. Es
spricht für die Weitsicht des Friedrich List, wenn von der Bedeutung
eines Eisenbahnnetzes kaum etwas verloren gegangen ist.
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